Quellen prüfen in Biografie und Sachbuch: Dokumente kritisch lesen
Die Prüfung von Quellen bildet die Grundlage jeder Biografie und jeder historischen Reportage. Zwei unabhängige Quellen, die dieselbe Aussage bestätigen, machen sie glaubwürdiger als eine einzelne, selbst wenn diese sehr detailliert ist. Doch kann eine Leserin selbst beurteilen, wie solide ein Buch ist? Ja, wenn der Autor seine Arbeitsweise offenlegt und sie weiß, worauf sie achten muss. Wir zeigen Schritt für Schritt, wie das geht.
Was ist Quellenkritik?
Quellenkritik beginnt mit Fragen an ein Dokument, bevor wir es als Grundlage für eine Aussage im Buch heranziehen. Wer hat es verfasst? Wann ist es entstanden? Zu welchem Zweck wurde es geschrieben, und an wen richtete es sich? Die Antworten zeigen, was die Quelle leisten kann und was sich aus ihr nicht ableiten lässt. Diese vier Fragen bilden die Grundlage jeder Prüfung.
Dieselbe Information kann je nach Verfasser und Anlass unterschiedlich viel Gewicht haben. Bei der Quellenprüfung geht es deshalb nicht einfach um die Entscheidung zwischen wahr und falsch. Entscheidend ist, welche Perspektive ein Dokument wiedergibt und welche seiner Aussagen sich verlässlich nutzen lassen.
Erinnerungen und amtliche Dokumente prüfen
Erinnerungen, die Jahre später aufgeschrieben wurden, sind lesenswert, weil sie zeigen, wie ein Beteiligter das Geschehen im Gedächtnis behalten hat. Allerdings kann die Erinnerung das Erlebte verformen. Auch das Wissen um den weiteren Verlauf verändert unmerklich die Darstellung früherer Entscheidungen. Das bedeutet nicht, dass der Verfasser lügt. Oft ordnet er die Vergangenheit nur so, dass sie für ihn einen Sinn ergibt.
Ein amtliches Dokument wirkt neutraler, hat aber ebenfalls Grenzen. Es gibt Tatsachen aus der Sicht der Behörde wieder, die es erstellt hat. Dabei hält es fest, was für das Amt wichtig war, und lässt den Rest aus. Als Quelle ist es daher bedeutsam, bietet aber nur eine Perspektive. Beide Quellenarten miteinander zu vergleichen lohnt sich, denn ihre Schwächen decken sich meist nicht.
Belastbarkeit und Fußnoten
Bestätigen zwei unabhängige Quellen eine Aussage, steigt deren Glaubwürdigkeit. Entscheidend ist dabei das Wort „unabhängig“. Stützt sich das zweite Dokument auf das erste, entsteht lediglich der Anschein einer Bestätigung.
Hier helfen Fußnoten weiter. Sie zeigen der Leserin, woher eine Information stammt und ob der Autor ein zeitgenössisches Dokument oder einen späteren Bericht herangezogen hat. Ein Buch ohne Fußnoten kann gut geschrieben sein, lässt sich aber schwer überprüfen. Bei der Quellenprüfung sind Fußnoten deshalb die erste Anlaufstelle: An ihnen lässt sich am einfachsten erkennen, worauf der Autor seine Darstellung stützt.
Befund oder Deutung?
Wer ein Sachbuch schreibt, sollte deutlich machen, wo die Feststellung endet und die Deutung beginnt. Der Satz „An diesem Tag reiste er ab“ beruht auf einem Dokument. „Er reiste ab, weil er sich bedrängt fühlte“ ist dagegen eine Hypothese, auch wenn sie überzeugend klingt. Die Leserschaft hat ein Recht darauf, diesen Unterschied zu erkennen. Das ist auch eine Frage der Ehrlichkeit im Umgang mit der Quelle.
Ähnlich verhält es sich mit rekonstruierten Dialogen oder Gedanken einer Figur. Eine Rekonstruktion kann als erzählerisches Mittel die Geschichte beleben, ersetzt aber keine Quelle. Sie sollte deshalb gekennzeichnet werden, etwa durch einen kurzen Hinweis im Text oder in einer Fußnote. Das stört die Erzählung nicht und hilft der Leserin, zwischen dokumentierten Aussagen und erzählerischer Vorstellung zu unterscheiden. Zur Quellenprüfung gehört somit auch ein Blick darauf, wie der Autor über seine Quellen spricht.
Sorgfältige Quellenprüfung nimmt einem Buch nicht seinen literarischen Reiz. Sie schafft Vertrauen bei der Leserschaft und macht das Sachbuch für uns alle besser.